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Die nächste Aufgabe der Männchen besteht darin, Blüten zu schneiden. Den Blütenstaub transportieren die Weibchen zu anderen Feigen. Die Insekten lagern die Pollen in speziellen Taschen an ihrer Brust. Danach bohren die Männchen Belüftungskanäle durch die Fruchtstandswand, wodurch die CO2-Konzentration auf unter 2% absinkt.

Molekularbiologische Daten hatten bereits darauf hingedeutet, dass sich Feigen und Wespen seit mehr als 60 Millionen Jahren gemeinsam entwickeln. Bei der Betrachtung eines nur 1,5 Millimeter großen Feigenwespefossils durch ein Elektronenmikroskop mit einer bis zu 1500-fachen Vergrößerung fanden Wissenschaftler des Natural History Museums in London heraus,

dass sich dieses 34 Millionen Jahre alte Insekt kaum verändert hat und genauso aussieht wie ein moderner Vertreter. Die Aufnahmen zeigen, dass schon damals alle anatomischen Spezialisierungen der Wespe, wie etwa jene, um in die Blüte zu gelangen, oder die Pollentaschen, bereits vorhanden waren.

Feigen sind keine Früchte, sondern geheime Gärten. Versteckt in ihrem Inneren finden sich die Blüten des Baums. Mit betörendem Parfum locken sie Feigenwespen (Blastophaga psenes) an. Alle eintreffenden Wespen sind Weibchen. Das Tor ins Reich der Düfte ist schmal, doch dort müssen sie hinein, um ihre Eier abzulegen. Innen wird der Weg gesäumt von hunderten mikroskopisch kleiner weißer Blüten. Der Baum umschließt jedes der Insekteneier, die er schützt und ernährt, mit einer Kapsel. Bald sterben die Wespen. Aber ihr Nachwuchs entwickelt sich in den hängenden Gärten weiter. Der Feigenbaum übernimmt die Rolle der Ersatzmutter.

Gesteuert von der CO2-Konzantration (anfänglich rund 10 %) schlüpfen zunächst die Männchen. Sie haben keine Flügel, und ihre Augen sowie ihre Fühler sind kümmerlich. Doch in einer Hinsicht sind sie hervorragend ausgestattet:

Inzwischen wird die Kinderstube der Feigenwespen von einem Parasiten attackiert. Die Angreiferin ist ebenfalls eine Wespe. Zu groß um den Eingang zu benutzen, bohrt sie sich ans Ziel.Sie hat einen überdiemensonalen Legestachel, der wie eine Injektionsnadel funktioniert. Sie dringt tief in die Feige ein, platziert ein Ei an der sich entwickelnden Wespenbrut. Die Larve schlüpft und tötet ihren Wirt.

Die Weibchen werden begattet, bevor sie schlüpfen. Die Geschlechtsorgane der Männchen sind so lang und flexibel, dass manche von ihnen Weibchen befruchten können, ohne die eigene Eihülle zu verlassen.

Dies lähmt die Männchen, regt aber das Schlüpfen der Weibchen an. Äußerlich unterscheiden sie sich deutlichen von den Männchen, denn sie haben große Augen, längere Fühler und Flügel.

Die Männchen haben noch eine letzte Aufgabe zu erfüllen: Sie müssen die Weibchen befreien und beißen mit ihren kräftigen Kiefern einen Tunnel nach Draußen.

In tausenden von Feigen sind die Wespen nun kurz davor, die Haut der Früchte zu durchbrechen um an die Oberfläche zu gelangen. Innerhalb einer Stunde schlüpfen Millionen von Insekten. Für die Männchen ist es das erste und das letzte Mal, dass sie die Sonne sehen. In den vergangenen Stunden haben sie sich völlig verausgabt. Sie befreien ihre Artgenossinnen und schenken ihnen alles, was sie haben - ihr Leben.

Die Weibchen werden niemals fressen. Sie müssen sich beeilen, um ihre wichtige Aufgabe zu erfüllen. Ihr behütetes Dasein in der Feige ist vorüber. An der Sonne können sie sich nur ein paar Stunden behaupten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

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Außerdem lauern draußen viele Gefahren. Hungrige Mäuler erwarten die ausschwärmenden Wespen bereits am Baum.

Doch es sind zu viele Feigenwespen, die gemeinsam starten. Auf jede, die gefangen wird, kommen Hunderte die in die Freiheit fliegen.

Die ganze Nacht hindurch sind die weiblichen Feigenwespen gereist, jede Wespe auf der Suche nach einem anderen Feigenbaum, der übersät ist von duftenden geheimen Gärten. Einige reisen mit dem Wind über Hunderte von Kilometern.

Einige von ihnen haben empfängliche Feigen gefunden. Der Duft hat sie geleitet.

Um in den geheimen Blütengarten vorzudringen, muss sich die Wespe durch eine enge Öffnung zwängen. Ihr keilförmiger Kopf hilft ihr dabei, den Eingang aufzustemmen. Doch die Passage ist so eng, dass ihr Flügel und Fühler abgerissen werde.

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In einer so hoch spezialisierten Symbiose würde eine Mutation auf einer Seite unweigerlich sofort zum Ende der Wechselseitigkeit führen. Die Symbiose zwischen Wespe und Baum könnte laut dem britischen Biologen Dr. Steve Compton die älteste wechselseitige Verbindung sein, die in der Wissenschaft bekannt ist.(1)

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